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Freude im Leben - Steffi
Was versetzt Menschen mehr in Freude, als die Geburt eines gesunden Kindes. Steffi, ein Mädchen, kommt zur Welt und entwickelt sich gut. Sie beginnt zu lächeln, zu greifen, zu plaudern,…
Die Freude über dieses kleine Wesen bereichert das Leben der ganzen Familie. Eine Woche nach der anderen vergeht. Mit sechs Monaten wird das Mädchen geimpft, routinemäßig, wie die meisten anderen Kinder auch.
Eine massive Impfreaktion verändert alles. Aus dem Nichts heraus bekommt das Mädchen hohes Fieber und epileptische Anfälle. Viele Tage verbringt die Mutter mit der kranken Steffi in verschiedenen Krankenhäusern. Alles, was das kleine Mädchen bis zu diesem Zeitpunkt schon gekonnt hatte, war wie ausgelöscht. Ein Impfschaden, so die Diagnose der Ärzte. Und - es gibt kein Medikament, um sie gesund zu machen.
Eine unvorhersehbare Situation, mit der die junge Familie nun leben muss. Und doch kehrt wieder Stabilität ein, in einen nun völlig veränderten Alltag, mit Therapien, Kontrollterminen und Frühförderung. Und: die Freude kehrt wieder zurück! Pure Lebensfreude, weil die kleine Steffi lebt. Es ist für die Mutter und den Vater ein Wunder. Diesen Spagat zu wagen von akuter Lebensbedrohung bis - hoffentlich nicht zu früh - Freude zu empfinden, mit jeder noch so kleinen Vorwärtsentwicklung. Wunderbar - wie helle Sonnenstrahlen.
Tausend hoffnungsvolle Versuche der Eltern reichen nicht, um dem Mädchen das Gehen beizubringen - aber Steffi kann wieder lachen! Ihre Tochter soll lernen, das Flascherl selber zu halten. Sie lernt zu stehen, aber das Gehen nicht. Sie lernt, das Flascherl zu halten, sprechen nicht – aber Steffi kann lachen! Und wie! Nichts Schöneres und an Freude kaum zu überbieten, wenn ein Kinderlachen das Haus belebt. "Ich bin dankbar, wie es ist", sagt mir die Mutter.
Während eines Familienurlaubes sagt Steffi im Schlaf: "Mama". Die Mutter glaubt, dass sie geträumt hat und erwähnt nichts davon. Am nächsten Morgen spricht die ´Godi` sie darauf an, ob sie das "Mama" auch gehört hat. Hitze steigt hoch in Steffis Mutter. Der Traum war kein Traum! Das Glück, das ihr in diesem einmaligen Moment geschenkt wurde, nur durch das Wort ´Mama`, wird sie niemals vergessen.
Steffi besucht einen sonderpädagogischen Kindergarten, die Schule und später eine Tageseinrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Alle ihre Betreuenden sprechen immer vom Sonnenschein. Lange Zeit wehrt sich die Mutter gegen den Rollstuhl, weil Steffi doch das Gehen lernen soll. Aus ärztlicher Sicht spräche nichts dagegen, aber es will nicht funktionieren. Der Herzenswunsch der Eltern war geplatzt. Schweren Herzens kaufen die Eltern einen Rollstuhl. Einen in Sonnengelb.
"Wenn die Steffi gehen lernt, dann bau ich eine Kapelle" – sagt der Vater von Steffi eines Tages. Und Steffi lernt das Gehen! Ganz einfach, ohne Vorwarnung – mit 18 Jahren. In der Tageseinrichtung geschieht dieses Wunder. Sofort werden die Eltern benachrichtigt – und Steffi ging tatsächlich! Unglaublich! Das war die größte Freude im Leben, die den Eltern in diesem Moment geschenkt wurde.
Der Vater baut die Kapelle. Steffi ist heute dreißig Jahre alt – sie hat nie wieder ´Mama` gesagt – aber es gibt Wunder und ganz viel Lebensfreude.
Lebensfreude bedeutet…
… Zeit für mich, gute Unterstützung in schweren Zeiten, meine Kinder, die Freunde, wenn ich mich an das Schöne erinnere, regelmäßig Fotos ansehen, wenn mein S. nach Hause kommt, dass der Garten so schön ist,… – einige Gedanken von A. zum Thema Lebensfreude.
Dass es der Tochter gut geht, das ist momentan das Beste – „das ist meine Lebensfreude“. Sie ist mit ihrem Mann in ein Haus am Land gezogen. Gemeinsam mit ihrer Schwester und dem Schwager – raus aus der Stadt. Das Haus tut ihr so gut. Seit sie dort leben, geht es ihr viel besser. Die Natur, der Garten und die Katzen können jetzt auch ins Freie.
„Jeder Tag ist gut, an dem meine Tochter nicht ´verkrampft` ist. Ich möchte nur, dass es ihr gut geht“. Es ist immer wer da. Sie sieht besser aus – lebensfroh, ist das Wort, das A. wieder über ihr Mädel sagen kann. Es gibt oft Tage, an denen es ihr richtig gut geht. Die Tochter hat Sehnsucht nach ihrer Mama und die Mama nach der Tochter, wenn sie sich längere Zeit nicht sehen können. All das bedeutet auch Lebensfreude. Sich selbst zu spüren, Lebensfroh zu sein.
Sie ist glücklich mit S., ihrem Lebenspartner, und froh, dass es ihn gibt! Lebensfreude und lebensfroh zu sein – bedeuten diese Worte mehr, wenn man sie einmal verloren hat? Die Gegenpole von Lebensfreude sind – Ernsthaftigkeit, Rückzug, Wunschlosigkeit, Leid – und viele mehr. Innere Stärke entdecken und aufzubauen, die Zukunft in mir selbst zu finden und die Lebensenergie stärken mit Dingen, die uns wichtig sind und uns etwas bedeuten. Den ´Geschmack des Lebens` nicht verlieren, das ist Lebensfreude und nicht unbedingt nur von Glück abhängig.
„Die Angst, dass sich meine Tochter was antun könnte, ist weg. Die Trauer zulassen und weinen, an das Schöne denken, am Meer, die Umarmung ihres verstorbenen Mannes im Wasser noch einmal in Gedanken nachfühlen. Alles, was wir als Familie gemeinsam erleben durften – das ist auch Lebensfreude und ´Danke` sagen dafür. Ich mag mein Leben, so wie es ist!“
Verschiedene schöne Platzerl, die A. schon kennt, gemeinsam neu entdecken mit ihrem Lebenspartner. Neu sehen, neu fühlen und neu erleben. Aufrecht und offen in jeden neuen Tag zu gehen und sich gemeinsam auf das Zuhause freuen. Alles ist anders, aber mindestens so schön!
Danke – liebe A. J - für das Teilhaben und Hinsehendürfen auf Deine persönliche Lebensfreude.
Karin Zwirzitz
Zeitschrift LW Ausgabe 1/2020 Seite 18, 19